Erik’s Weg zurück ins Leben: Geduld, Geduld, Geduld …

Liebe Leute.


Es wird Zeit neues von Erik zu berichten, wenn es denn großartig neues gebe … 


Als kleine Info für alle die nicht wissen, wer Erik (*Name geändert) ist:

Erik ist obdachlos, wohnt derzeit bei uns und versucht sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Kennengelernt haben wir ihn bei unseren nächtlichen Touren im Winter, in denen wir Obdachlose mit Schlafsäcken, Mützen, Handschuhen usw. versorgt haben, die Leser/innen dieses Blogs dafür gespendet haben.


Mehr dazu kannst Du hier lesen:

"Mein Leben wurde mir geklaut … " 
Durch den Bürokratiedschungel zurück ins Leben
 

obdachlos herrmannplatz


Zuerst ein herzliches Dankeschön an jeden, der Erik durch seine Zeilen hier Hoffnung schenkt, Mut macht und ihn auch mit einer Spende finanziell unterstützt hat! Das ist großartig! 


Wir versuchen das Geld gut anzulegen. Es wird für seine Verpflegung verwendet, für Medikamente (da er bisher keine Krankenversicherung hat, summiert sich das), für Schuhe, für einen Duschhocker, um eine Fahrerin zu bezahlen, die ihn bei Bedarf zur Ärztin fährt (Danke!), für Benzinkosten, vermutlich bald eine Monatskarte, für Papiere die das Amt verlangt, Porto, andere Hilfsmittel, die er so braucht …

Wie Du Dich vielleicht erinnerst, musste Karsten für zwei Wochen unterwegs sein und konnte Erik mit dem Auto nicht zum Arzt fahren. Dort muss er jedoch täglich vormittags auf der Matte stehen, um sein Polamidon abzuholen. Zu Fuß war er vor einigen Wochen noch nicht so fit, wie heute. Gute Nachricht: Er wird mobiler!

So war das fahren mit den Öffis und 3x umsteigen vor wenigen Wochen noch keine Option. Zumal er morgens noch entzügig war und sich hundeelend fühlte. Auch das hat sich deutlich verbessert! Mittlerweile fährt er kürzere Strecken zB. zur Post oder zur Apotheke sogar alleine mit dem Fahrrad. Wir haben außerdem ein Tandem, mit dem klappen auch schon längere Strecken   :-)
 

Am 7. Mai, ein Montag, war der erste Tag an dem Erik nicht mit dem Auto zur Ärztin fahren konnte. Ich hatte in eBay Kleinanzeigen eine Anzeige inseriert und einen freundlichen, jungen Mann gefunden, der sich dazu bereit erklärte. Was für ein Glück! Doch es wehrte nur kurz. Denn das erste was ich am Montag ca. 7 Uhr, nach dem Aufwachen auf meinem Handy las, war die Nachricht, er könne wegen einer Schwellung am Fuß nicht kommen. Zum Glück hatte ich eine Reservefahrerin an der Hand. Frau rechnet schließlich mit allem. Sie war sehr nett und freundlich und fuhr mich mit Erik zu seiner Ärztin. Der eBay Typ meldete sich  nie wieder …

Wir hofften darauf, dass er das Polamidon mit nach Hause bekommt. Das ist normalerweise nicht üblich, doch in seinem Fall wollten sie eine Ausnahme machen. Dazu mussten wir jedoch auf Laborergebnisse warten, die aussagten das Erik, bis auf sein Polamidon clean ist. Denn am Freitag hatte ein Schnelltest auf Amphetamin positiv angeschlagen. Erik beteuerte immer wieder, er habe seit Ewigkeiten kein Amphetamin genommen. Auch sämtliche Medikamente und Nasensprays, die so einen Schnelltest verfälschen können, hatte er seines Wissens nicht genommen.

Der "Generalverdacht" der an diesem Wochenende in der Luft lag, stank …. ich und Karsten schenkten Erik jedoch vollstes Vertrauen!
 

Die Ärztin schickte seinen Urin ins Labor. Den Labortest machten sie gratis! Normalerweise hätten wir zahlen müssen, da Erik keine Krankenversicherung hat. Nach ca. 3,5 Stunden warten auf die Ärztin am Dienstag, kam das ersehnte Ergebnis. Der Test war negativ! Es konnte weder Amphetamin noch andere Substanzen nachgewiesen werden, die nicht dorthin gehörten! Und so bekam Erik das Polamidon für 5 Tage zur Mitnahme. Die Tabletten musste er allerdings am anderen Ende der Stadt abholen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht … die Apotheke ließ sich nicht überreden, dass ich sie für ihn, einen gehbehinderten Mann mit mittlerweile starken Schmerzen, abhole. Selbst mit Vollmacht wollten sie mir das "böse Betäubungsmittel" was ich an vielen U-Bahn Stationen für ein paar Euro beim Dealer kaufen kann, nicht geben. Erik musste mit. Er war so erschöpft an diesem Tag …. unsere Nachbarin erbarmte sich, packte Erik ins Auto und fuhr nach 10 Stunden Arbeit in der Rushhour durch die ganze Stadt um sein Polamidon aus der Apotheke zu holen! 

Dann hatten wir erstmal Ruhe, keine täglichen Arztbesuche. Karsten machte es dann irgendwie möglich und kam doch am Wochenende nach Hause, um eine größere Tour mit Erik am Montag zu erledigen. Zur Ärztin, die neue Ration Polamidon holen, zur Charité (eine Nachfolgeuntersuchung seiner OP's, die fiel gut aus), zur Apotheke, zu einer Beratungsstelle. 

Dann beschlossen sie relativ spontan, dass Erik mit Karsten mit fährt, um sich eine Art Therapieeinrichtung in Bayern anzuschauen und sich mit einem Sozialarbeiter zu unterhalten. Das Gespräch fiel positiv aus und der gute Mann und Freund von Karsten hilft Erik, sich mit seiner Krankenkasse auseinander zu setzen. Denn die will noch 7000€ …. wahrscheinlich ohne ein Anrecht daraus zu haben.

Und hier wird mein Blogartikel für Dich nicht mehr so ausführlich … denn ich bin ausgestiegen. Karsten kümmert sich weiterhin wie ein Held mit Erik um sämtlichen Papierkram. Der Hartz 4 Antrag läuft. Das Amt hat aber Papiere nachgefordert. Irgendwas mit der Rentenversicherung, er muss nachweisen, dass er länger als eine bestimmte Zeit in Deutschland lebt, hier gearbeitet hat …  Sie müssen mit seinem letzten Arbeitgeber Kontakt aufnehmen – das gestaltet sich auch etwas schwierig.


Kurzum: Der Hartz 4 Antrag ist leider noch nicht genehmigt, somit gibt es auch noch keine Krankenversicherung und noch keinen Platz für betreutes Wohnen, wo er sich bewerben kann. Ohne Zusage vom Amt sitzt er auf heißen Kohlen. Geduldig sein und warten lautet die Devise auch weiterhin. Es ist ermüdend. 

Zudem ist es kein Zustand mehr auf 70qm (2 große Räume) solange aufeinander zu hocken. Wir können in einer Mietwohnung nicht über Monate einen Gast haben. Auf dem Rückweg von Bayern ging unser Auto kaputt … ist schon alt und war zu erwarten. Aber all das macht es nicht einfacher. Es gibt eine für Erik infrage kommende Krisenwohnung, wobei der Begriff irreführend ist, wie ich finde. Denn sie ist eher eine Krisenübernachtung. Er kann dort morgens 8 Uhr hin und sich einen Schein holen, mit dem er 28 Tage lang, jeden Abend ab 21 Uhr in die Wohnung kann. Am Tag muss er raus sein. Den Tag muss er füllen. Und … die Wohnung ist am Bahnhof Zoo. Quasi mitten in der Szene. Wobei Drogen eh nie weit sind, einfach in die U-Bahn einsteigen und an den richtigen Bahnhöfen aussteigen … 


Falls einer jemanden kennt, der in Berlin eine Möglichkeit hat, Erik für eine Weile aufzunehmen, wäre das klasse! 

Woanders geht leider nicht, er muss in der Nähe der Ärztin bleiben. Erik braucht nicht viel, außer einen Schlafplatz, wo er sich Nachts und auch am Tag aufhalten kann. Etwas zu essen wäre super, aber kein Muss.

Mir ist die Kraft ausgegangen und ich muss mehr auf mich achten, brauche meine Freiräume. Falls Du jemanden weißt oder ne Idee hast, kannst Du gerne meine Mailadresse: mandy@unendlichgeliebt.de weitergeben. Frage am besten selbst an, ich hab soviel anderes zu tun, um das ich mich kümmern muss. Damit würdest du mir und natürlich Erik eine große Freude machen.

Es fühlt sich scheiße an, Erik mitten in der Szene "abzusetzen", nur weil die Ämter trotz Druck nicht in Gang kommen, um einen wohnungslosen Mann zu helfen. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland, hat gearbeitet, sich nie was größeres zu Schulden kommen lassen …


Als Obdachloser wieder Boden unter die Füße zu bekommen, ohne Hilfe von außen, ist nahezu unmöglich!


Das zu erleben macht mich traurig, umso mehr stelle ich fest, dass wir auch hier auf Gottes Hilfe angewiesen sind. 


Wir schaffen das! Stay Strong, Erik!!

Bis zum nächsten Mal.

Mandy

 


Wer schreibt diesen Blog und warum? – Das erfährst Du, wenn Du HIER klickst
Kann ich Dich und Deine Blog-Arbeit unterstützen? Ja, dass ist möglich, dazu HIER klicken. Ich danke Dir von Herzen!

Dieser Beitrag wurde am 25. Mai 2018 veröffentlicht.

10 Gedanken zu „Erik’s Weg zurück ins Leben: Geduld, Geduld, Geduld …

  1. Amsel A350

    ….bin leider hier in Mannheim, also weit weg von Berlin.

    Das mit dem Hartz-IV-Bescheid: Ach verfaulte Axt… das kann doch nicht wahr sein!!
    Und das mit der Krankenkasse, die haben doch einen an der Waffel!!

    Ein Cousin von mir und seine Freundin haben sich in Berlin niedergelassen, allerdings erst seit ca. 2 Jahren, sind da noch nicht sooo verwurzelt. Haben eben meinen Cousin über FB angeschrieben ob der einen richtig guten Anwalt der auch kostenlos arbeiten würde, also pro bono, kennen würde, aber ich rechne mir da wenig Erfolg aus, die beiden sind noch nicht sooo verwurzelt in Berlin.

    Da bleibt mir leider leider momentan auch nurnoch beten, aber das wenigstens werde ich tun…

    Eine Freundin von mir hilft Flüchtlingen mit den ganzen Behördengängen, da hat sie meine ehrliche Bewunderung dafür. Ich kann das garnicht. Schon mit meinem eigenen Hartz-IV-Bescheid als ich selber arbeitslos war hatte ich ernorme Probleme. Behördenkram kapiere ich einfach nicht.

    Antworten
    1. Mandy Artikelautor

      Hallo Amsel.

      Wir brauchen bisher auch keinen Anwalt, sondern einfach Geduld. Erik ist laut Gesetz kein Unrecht getan wurden. So ein Antrag dauert eben und man möchte ja auch Missbrauch verhindern. Deshalb wird genau geprüft. Alle Mitarbeiter waren stets freundlich und sind ihm so manches Mal entgegen gekommen, aber sie haben eben ihre Richtlinien, an die sie sich halten müssen – sonst bekommen sie selbst Stress.

      Ich denke die meisten von uns, wären daran interessiert Erik so schnell wie möglich zu helfen, wenn sie seine Geschichte kennen. Ich glaube jedenfalls an das Gute im Menschen :-) nur in der Politik fällt es mir schwer. Soweit ich weiß was von den “Großen” noch keiner in Erik’s Situation oder ähnlicher Scheiße gesessen, sonst würden die Fahnen wahrscheinlich anderes wehen. Ist blöd, wenn die Armen der Ärmsten darunter leiden müssen … :-(

      LG
      Mandy

      Antworten
  2. Jessica

    Liebe Mandy,

    vielen Dank, dass du über euren aktuellen Stand erzaehlst und uns teilhaben lässt.
    Sehr gut kann ich nachvollziehen, dass der Wunsch nach Raum und “Ruhe” vorhanden ist und der “Kraft-Reserve-Kanister” vermutlich keinen Tropfen mehr hergibt.
    Ich wünsche mir sehr für euch, dass sich schnellstmoeglich, Lösungen finden werden, mit denen ihr Drei jeweils konform lauft, bestenfalls super zufrieden seid.
    Alles Liebe und Kraft für euch
    Frieden, Freude, Licht
    Jessica

    Antworten
    1. Mandy Artikelautor

      Hallo Jessica.

      Gern geschehen. Einige Tropfen sind noch drin. ;-) Zum Glück füllen die sich bei mir meist auch realtiv schnell wieder auf. Vorallem im Sommer  :-) trifft sich also ganz gut. 

      Danke für Deine Wünsche!

      Mandy

      Antworten
  3. Patricia

    Kann nicht über eine christliche Gemeinde, Arche oder sogar caritas/diakonie ein Kontakt hergestellt werden? Vllt. kann auch das christliche Jugendzentrum in Oranienburg eine Hilfe sein?

    Antworten
  4. Sebastian

    Ich finde es sehr beeindruckend, wie sehr ihr euch für einen einzelnen Obdachlosen einsetzt. Es ist eine Sache, über Liebe zu predigen oder zu schreiben und eine ganz andere, sie in dieser aufopferungsvollen Form umzusetzen!
    Schade, dass der Staat es einem so schwer macht. Ich kann zwar verstehen, dass man nicht “einfach so” Geld, Wohnung etc. bekommt, da sonst zu viel Missbrauch dieser Leistungen droht; andererseits hast du vollkommen recht, dass man als Obdachloser ohne fremde Hilfe kaum Chance oder Antrieb hat, sich durch diesen Bürokratie-Dschungel zu kämpfen! Wenn die nächste Person wieder sagt, dass es doch keine Obdachlosen geben müsse und dass jeder Hartz4 bekommen könnte (kommt recht häufig vor), dann werde ich sie/ihn auf diesen Blog verweisen ;-)
    Blessings,
    Sebastian

    Antworten
    1. Mandy Artikelautor

      Danke, mach mal Sebastian. ;-) 

      Die (erwachsenen) Obdachlosen, die es von der Straße wegschaffen haben meinen tiefsten Respekt!! Selbst mit Hilfe kostet es sehr viel Mut und Kraft, es wirklich zu wollen und nicht aufzugeben. Zumal den wenigsten nebenbei eine Wohnmöglichkeit (wie bei uns jetzt) zur Verfügung gestellt wird. Es ist traurig :-( Es geht schnell auf der Straße zu landen, vielleicht 1-2 falsche Entscheidungen …. 

      Als Minderjähriger ist es wesentlich leichter (zumindest von der Bürokratie / Therapiemöglichkeiten) wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Ich war selbst damals in dieser Situation und möchte gleich mal Werbung für http://www.strassenkinder-ev.de machen. Das sind tolle Sozialarbeiter, die mir mit 17 Jahren geholfen haben! :-) Es gibt sie noch immer, wer es kann und mir und anderen eine Freunde und die Aussicht auf ein "neues" Leben machen möchte: Bitte unterstützt ihre Arbeit!

       

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.